Was in der Studie über die Vorteile des Rx-Versands steht – und was „vergessen“ wurde


Astrid Janovsky

Viel Mathematik und große Zahlen, aber leider fehlen in der Studie einige wichtige Faktoren.Online-Studie EcoAustria

 

Eine 52-seitige Studie bescheinigt Österreich den dringenden Bedarf für den Versand rezeptpflichtiger Arzneimittel. Dabei werden Summen von hunderten Millionen in den Raum gestellt, die die Volkswirtschaft dadurch sparen würde. Wenn man die Studie aber genauer ansieht, hat man hier einige wichtige Punkte dezent übergangen. Ein Kommentar von TARA24-Redakteurin Astrid Janovsky. 

Letzte Woche präsentierte Redcare Pharmacy, Mutterkonzern von Onlineversendern wie Shopapotheke.at, eine Studie, die die Notwendigkeit des Versands von Rx-Arzneimitteln rechtfertigen soll. Diese Woche gab es abermals eine Presseaussendung dazu, um auch wirklich alle Meinungsbildner darüber zu informieren. Von den Studienautor:innen wird vor allem der wirtschaftliche Vorteil hervorgehoben, der sich aus einer sehr einseitigen Rechnung ergibt. Ausgegangen wird von 296.000 Personen in ganz Österreich, die zur nächsten Apotheke länger als zehn Minuten mit dem Auto fahren müssten. Das klingt – entgegen dem Tenor der Studie – nach einer ziemlich guten flächendeckenden Versorgung, die auch in einer Grafik ersichtlich ist.  Wie nicht anders zu erwarten, sind die Ü-10-Minutler vor allem im inneralpinen Raum angesiedelt.  

Mehrarbeit statt Einkaufszeit 

Nachdem die Studie auf den Rx-Versand abzielt, man also ein Rezept für den Arzneimittelerwerb braucht, sollte man dem Wert vielleicht auch den Fahrtweg zur Arztpraxis gegenüberstellen. Ob da nur knapp 300.000 Personen länger als zehn Minuten fahren, sei dahingestellt. Die Rechnung der Studie gibt weiter an, dass diese Ü-10-Minutler also mindesten 25 Minuten für das Besorgen der Arznei benötigen würden (Hin- ,Rückweg, Beratung [wird tatsächlich angeführt], Bezahlen). Diese Zeit ginge als Arbeits- oder Freizeit verloren und würde in Summe jährlich 5.500 Stunden betragen. Dadurch würde sich ein volkswirtschaftlicher Schaden (bzw. Nutzen aus Perspektive des Rx-Versandes) von etwa 141 Millionen Euro ergeben. Diese Summe resultiere laut Studie aus 82 Millionen Euro, die durch produktive Arbeit zusätzlich verdient werden würden (wenn man also, statt in die Apotheke zu gehen Überstunden leistet) und zusätzliche Steuer- und Abgabeneinnahmen von rund 59 Millionen Euro. 

Bezieht man jene Personen mit einem Apothekenweg von 5 Minuten, die man sonst in die Extra-Erwerbstätigkeit stecken könnte, ein, ergibt sich ein unglaubliches zusätzliches Sparpotential von 475 Millionen Euro. Die hier erwähnten Zahlen stammen aus der Zusammenfassung und der Presseaussendung. In der Studie selbst werden nämlich plötzlich andere Personenzahlen angeführt. Auch nett: (Originalzitat) „so zeigt sich, dass 2021 rund 296.000 Personen länger als 10 Minuten zur nächsten Apotheke benötigten […] Würde man keine weiteren Apotheken eröffnen, würde sich diese Zahl bald auf knapp 300.000 erhöhen.“ Was für eine Verschlechterung von rund 296.000 zu knapp 300.000! Im Übrigen sind seit 2021 22 neue Apotheken eröffnet worden – damit sollte die Differenz von rund 4.000 Personen gut abgedeckt sein. 

Zeit für Bestellvorgang nicht berücksichtigt 

Was diese obskure Rechnung komplett außer Acht lässt: Der Weg in die Apotheke findet selten von der Couch aus statt, sondern direkt von der Praxis, vom Arbeitsplatz oder während des Einkaufens der täglichen Gebrauchsgüter. Und was ebenfalls nicht aufscheint: Die Zeit, die für eine Online-Bestellung benötigt wird! Gerade die ältere Generation, die gerne als absoluter Nutznießer des Versands hervorgehoben wird, wird ihre E-Rezept kaum innerhalb von drei Minuten in der Online-Apotheke bestellt haben. Was natürlich wegfällt, ist diese lästige Beratungszeit – und Warnungen vor möglichen Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln. Generell ist fraglich, wie weit sich das „Zeitersparnis-bringt-Geld-durch-Mehrarbeit“-Prinzip auf alle Personengruppen anwenden lässt. Wenn der Enkel beim Oma-Besuch deren Medikamente bestellt, hat dies vermutlich keine positiven Auswirkungen auf die Volkswirtschaft. Bestenfalls auf das Taschengeld des Juniors. 

Vorteile und Sparpotential sieht man aber nicht nur für die Volkswirtschaft, sondern auch für die Apotheken selbst. Diese könnten durch einen „Hybridbetrieb weitere Gebiet abdecken – oder Kosten sparen“. Wie das mit dem Kosten sparen genau gehen soll, wenn die niedergelassene Apotheke weiterhin Kostenfresser wie Nacht- und Notdienst oder Substitutionsbetreuung stemmen darf, sei dahingestellt. Natürlich gibt es den Weg in die ultimative Kosteneinsparung: Die Schließung. Und das Thema „Gebietsschutz“ ist damit sowieso ad absurdum geführt. 

 

Mehr Rezepte in der öffentlichen Apotheke als in der HAPO? Natürlich.

Noch ein Schmankerl aus der Studie: Sie bescheinigt den stationären Apotheken einen „überproportional hohen Anteil an Rezepten im Vergleich zum Gesamtapothekenmarkt“. Der bestünde nämlich nur zu 60,7 Prozent aus öffentlichen Apotheken und zu 37,6 Prozent aus ärztlichen Hausapotheken (sogar Klinikapotheken sind mit knapp zwei Prozent in der Auflistung vertreten), aber rund 83 Prozent aller Rezepte werden in den öffentlichen Apotheken eingelöst. Was für ein Skandal – wo man doch davon ausgehen muss, dass eine Apotheke die Patient:innen mehrerer Ärzt:innen versorgt, während eine ärztliche Hausapotheke lediglich einen einzigen Verschreiber bedient. 

Es soll hier nicht die Richtigkeit der Studie angezweifelt werden, sondern die mangelnde Sicht auf das große Ganze. Kürzlich kam eine Meldung, dass sich die Herzinfarkte in den letzten zehn Jahren verdoppelt hatten. Oh Gott! Hat man die Studie dann aber ganz gelesen, kam heraus, dass mehr Herzinfarkte auftreten, weil durch moderne Messmethoden mehr Herzinfarkte erkannt werden und ebenso mehr Personen den Infarkt überleben – und später nochmals einen erleiden. Es ist also nicht, wie im ersten Moment vielleicht zu vermuten, die medizinische Versorgung schlechter, sondern sogar besser geworden. Ähnlich verhält es sich mit der Rx-Versand-Studie: Die Zahlen mögen richtig sein, die daraus gezogenen Schlüsse sind es nicht. 

Für alle, die gerne selbst nachlesen möchten: www.ecoaustria.ac.at



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