Bereits bei rheumatoider Arthritis eingesetzt, hat Upadacitinib nun eine weitere EU-Zulassung erhalten: Zur Behandlung einer schweren Alopecia areata. Zwei große Phase-III-Studien zeigen, wie der Wirkstoff das Haarwachstum fördern kann. Bei manchen Betroffenen kam es sogar bis zum vollständigen Nachwachsen der Kopfhaare.
Alopecia areata, auch bekannt als kreisrunder Haarausfall, betrifft nach Schätzungen weltweit rund 2 Prozent der Bevölkerung. Bei der immunvermittelten Erkrankung greift das Immunsystem die Haarfollikel an. Die Folgen reichen von einzelnen kahlen Stellen bis zum vollständigen Verlust der Kopf- und Körperbehaarung. Da die Haarfollikel nicht dauerhaft zerstört werden, können die Haare grundsätzlich wieder nachwachsen. Besonders schwere Formen sind jedoch schwierig zu behandeln und für viele Betroffene psychisch belastend.
Ein internationales Forschungsteam um Arash Mostaghimi untersuchte in den Studien UP-AA1 und UP-AA2, was Upadacitinib bei schwerer Alopecia areata bewirken kann. Die Ergebnisse wurden am im August in JAMA Dermatology veröffentlicht.
Vom Arthritis-Medikament zur weiteren Therapieoption
Upadacitinib, bekannt unter dem Handelsnamen Rinvoq (Hersteller Abbvie), hemmt bevorzugt die Januskinase 1 (JAK1). Sie ist an der Weiterleitung entzündungsfördernder Signale beteiligt. Der Wirkstoff dämpft damit Immunreaktionen, die etwa bei Alopecia areata das Haarwachstum beeinträchtigen.
Neben rheumatoider Arthritis wird Upadacitinib bereits bei weiteren entzündlichen Erkrankungen wie atopischer Dermatitis eingesetzt. Wie die Firma AbbVie Ende Juli mitteilte, hat die Europäische Kommission Rinvoq auch zur Behandlung einer schweren Alopecia areata bei Erwachsenen und Jugendlichen ab zwölf Jahren zugelassen. Die Zulassung umfasst die einmal tägliche Anwendung von 15 oder 30 mg und stützt sich auf die beiden Studien UP-AA1 und UP-AA2. Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) führt das neue Anwendungsgebiet an.
„Die Zulassung von RINVOQ durch die Europäische Kommission eröffnet Menschen mit schwerer Alopecia areata in der EU eine neue Behandlungsmöglichkeit mit nachgewiesenem Nachwachsen der Kopfhaare, die die Behandlung der Erkrankung unterstützen kann“, sagte Dr. Roopal Thakkar, Executive Vice President für Forschung und Entwicklung und Chief Scientific Officer bei AbbVie. „Diese Zulassung bietet eine weitere Option für Patientinnen und Patienten, die weiterhin mit den körperlichen und psychischen Belastungen schwerer Alopecia areata umgehen müssen, die aufgrund von Stigmatisierung oft übersehen werden.“
Knapp 1.400 Betroffene in zwei Studien
An den beiden randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Phase-III-Studien nahmen insgesamt 1.399 Personen teil, darunter 118 Jugendliche. Alle hatten zu Beginn mindestens 50 Prozent ihrer Kopfbehaarung verloren. Sie erhielten über 24 Wochen einmal täglich entweder 15 mg Upadacitinib, 30 mg Upadacitinib oder ein Placebo. Die Zuteilung erfolgte randomisiert. Weder die Teilnehmenden noch das betreuende Studienteam wussten, welche Behandlung verabreicht wurde.
Zur Beurteilung des Haarverlusts verwendeten die Forschenden das Severity of Alopecia Tool (SALT). Die Skala reicht von 0 für keinen Verlust der Kopfbehaarung bis 100 für vollständigen Haarverlust. Das wichtigste Studienziel war ein SALT-Wert von höchstens 20 nach 24 Wochen: Die Kopfhaut sollte also wieder zu mindestens 80 Prozent mit Haaren bedeckt sein.
Deutlich mehr Haarwachstum als unter Placebo
Nach 24 Wochen war die Kopfhaut bei folgenden Anteilen der Behandelten wieder zu mindestens 80 Prozent mit Haaren bedeckt:
- 15 mg Upadacitinib: 45,2 Prozent in UP-AA1 und 44,6 Prozent in UP-AA2.
- 30 mg Upadacitinib: 55 Prozent in UP-AA1 und 54,3 Prozent in UP-AA2.
- Placebo: Nur 1,5 Prozent in UP-AA1 und 3,4 Prozent in UP-AA2 erreichten dieses Ziel.
Bereits ab der achten Woche zeigte sich bei diesem Endpunkt ein statistisch signifikanter Vorteil beider Dosierungen gegenüber Placebo. Die höhere Dosis brachte zwar numerisch höhere Ansprechraten, ein statistischer Vergleich zwischen 15 und 30 mg war jedoch nicht vorgesehen.
Kopfhaare vollständig nachgewachsen
Ein Teil der Betroffenen erreichte nach 24 Wochen sogar einen SALT-Wert von 0 (= vollständiges Nachwachsen der Kopfhaare). Unter 15 mg war dies in den beiden Studien bei 14,1 beziehungsweise 13,1 Prozent der Fall, unter 30 mg bei 20,3 beziehungsweise 22,5 Prozent. Unter Placebo waren es 0 beziehungsweise 0,7 Prozent.
Die Verbesserungen beschränkten sich nicht auf die Kopfbehaarung: Auch Augenbrauen und Wimpern wuchsen bei einem Teil der Betroffenen nach. Zudem berichteten die Behandelten über Verbesserungen in mehreren erfassten Bereichen der krankheitsbezogenen Lebensqualität.
Keine neuen Sicherheitsrisiken
Zu den häufig berichteten unerwünschten Ereignissen gehörten Akne, Infektionen der oberen Atemwege, Nasopharyngitis und erhöhte Kreatinphosphokinase-Werte. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten bei 1,6 Prozent unter 15 mg, 2,3 Prozent unter 30 mg und 0,4 Prozent unter Placebo auf. Neue Sicherheitsrisiken stellte das Forschungsteam nicht fest.
Die veröffentlichten Ergebnisse beziehen sich allerdings auf die 24-wöchige placebokontrollierte Phase. Wie sich Wirksamkeit und Sicherheit langfristig entwickeln, müssen weitere Auswertungen zeigen. Zudem waren Kinder unter zwölf Jahren und Personen mit einer aktuellen Krankheitsepisode von mehr als acht Jahren ausgeschlossen. Ein direkter Vergleich mit anderen zugelassenen Therapien erfolgte nicht.
