Kontakt zur Natur ist bei vielen Erkrankungen hilfreich. Auch Schmerzreduktion kann durch den Aufenthalt im Grünen erreicht werden. Forschende untersuchten nun den Einfluss von virtuellen Naturräumen auf die Schmerzwahrnehmung.
In einer im Magazin Nature veröffentlichten Studie gingen Forschende der Frage nach, wie die Natur nozizeptionsbezogene (Anm: über Schmerzrezeptoren generierte) und allgemeine Hirnreaktionen auf akute Schmerzen moduliert. Menschen, die in grüneren Gegenden leben, würden laut der Abhandlung tendenziell weniger stark auf Stressoren reagieren und hätten langfristig eine bessere psychische Gesundheit. Regelmäßige Naturbesucher:innen berichten von weniger negativen und stärker positiven Gefühlszuständen, und selbst kurze experimentelle Aufenthalte in der Natur können sich positiv auf subjektive und neuronale Wohlbefindensindikatoren auswirken, so die Autor:innen.
Blick ins Grüne fördert Heilung
Bereits vor 40 Jahren habe man erkannt, dass Patient:innen, die sich von einer Operation erholten, weniger Schmerzmittel zur Schmerzbehandlung benötigten, positivere Krankenakten hatten und das Krankenhaus früher verließen, wenn sie aus dem Fenster einen Blick auf Bäume statt auf eine Ziegelmauer hatten. Ähnliche Ergebnisse seien später bei verschiedenen Formen des Naturaufenthalts in unterschiedlichen schmerzbezogenen Situationen (z. B. invasiven medizinischen Verfahren wie Zahnbehandlungen oder Bronchoskopien) beobachtet worden. Eine weiter Forschungsarbeit aus 2019 von der University of Michigan zeigte, dass ein Aufenthalt von 20 Minuten in der Natur genüge, um den Spiegel des Stresshormons Cortisol deutlich zu senken.
In der akutellen Studie der MedUni Wien wurden zur Untersuchung der subjektiven Schmerzreaktionen der Teilnehmer deren unmittelbare Selbsteinschätzungen der empfundenen Schmerzintensität und -unangenehmheit verwendet. “Mit den Intensitätsbewertungen wollten wir die sensorisch-diskriminativen und somit nozizeptiven Aspekte des Schmerzes erfassen, während die Bewertungen der Unangenehmheit darauf abzielten, kognitiv-emotionale und motivationale Merkmale höherer Ebene zu messen”, so die Autor:innen.
Landschaftsbilder halb so wirksam wie Schmerzmittel
Gemessen wurde dabei die Hirntätigkeit der Proband:innen mittels funktioneller
Magnetresonanztomografie (fMRT). Die 49 Teilnehmer sahen kurze Videos
mit Szenen aus Natur, Stadt und Innenraum, während ihnen am
Handrücken Elektroschocks unterschiedlicher Stärke verabreicht
wurden. Die Bildmotive von Natur und Stadt waren ähnlich gestaltet: Bei beiden befand sich eine größere Wasserfläche in der Mitte und auch bei dem Stadtbild waren Bäume zu sehen. Trotz dieser vermeintlich geringen Unterschiede empfanden die Teilnehmer:innen beim Anblick der Naturszene weniger Schmerz als bei den beiden anderen Motiven. Zwischen Stadtszene und Innenraum gab es kaum Unterschiede . Hirnscans zeigten in Verbindung mit den Naturvideos eine geringere Aktivität in jenen Gehirnregionen, die mit Schmerzverarbeitung verbunden sind.
«Anders als etwa bei Schmerzreduktion durch Placebos, die in der
Regel unsere emotionale Reaktion auf den Schmerz verändern, führte
das Betrachten der Natur dazu, dass die frühen, körperbezogenen
Signale vom Gehirn anders verarbeitet wurden», erklärte Studien-Erstautor Maximilian Steininger. Der Effekt scheine weniger mit den Erwartungen und Emotionen der Teilnehmenden zu tun zu haben, sondern mehr mit Veränderungen der zugrundeliegenden Schmerzsignale. Der schmerzlindernde Effekt von Naturbildern war klar messbar, aber nur etwa halb so stark wie die Wirkung von Schmerzmitteln.