Was Apotheker:innen vom Regierungsprogramm halten 


Astrid Janovsky

Österreichs Apotheker:innen sehen viel Potential für die neue Regierung – aber wenig Hoffnung für die Apotheken.TARA24

Kammer und Verbände haben sich bisher Großteiles nur wohlwollend zum neuen Regierungsprogramm geäußert. Doch sehen das die Apothekerinnen und Apotheker des Landes auch so? TARA24 hat sich bei den Inhaber:innen umgehört und nachgefragt, was man sich denn von der neuen Regierung wünschen würde. 

„Das Regierungsprogramm ist sicherlich kein großer Wurf für die Apotheken“, zeigt sich Clemens Feldmann von der Engel Apotheke Telfs mäßig begeistert. „Aber ich finde es erfreulich, dass der Rx-Versand ausgeschlossen wurde. Ich würde mir allerdings noch ein deutlicheres Bekenntnis zur regionalen Apotheke vor Ort wünschen.“ Die Absage an den Versand rezeptpflichtiger Arzneimittel stößt generell auf großen Beifall, so auch bei Oliver Schwaiger, Inhaber der Sternwarte Apotheke in Wien: „Eine sehr wichtige grundlegende Entscheidung für unsere wirtschaftliche Zukunft ist für mich die Ablehnung des Rx-Versands. Im Bereich der Preisbildung sehe ich allerdings keine Verbesserung, ganz im Gegenteil – das wird die wirtschaftliche Lage der Apotheken in Österreich weiter verschlechtern.“ 

Standesdünkel beseitigen, Impfen und Medikationsanalyse einführen 

Viktor Hafner von der Linden-Apotheke Wien vermisst den großen Fortschritt im Regierungsprogramm: „Die Bestätigung des Rx-Versandhandelsverbot ist ein schönes Zeichen für die Versorgungswirksamkeit der stationären Apotheke, die anderen Aussagen sind aber eher sehr leere, unbestimmte Ausführungen, die auch bisher schon in Regierungsprogrammen immer wieder vorgekommen sind. Dabei gäbe es so einfache Maßnahmen, um zum Beispiel die Durchimpfungsrate zu erhöhen oder die Lieferengpässe zu reduzieren. Interessant ist, dass der „digitale Beleg“ aufgegriffen wird – das könnte für Apotheken auch ein Thema werden.“ 

Constantia Kritsch, Inhaberin der Mag. Job‘s Kreisapotheke Neusiedl am See, freut sich ebenfalls über das Versandverbot; „Noch spannender finde ich das Thema Impfen. Die letzten Jahre haben uns ja ziemlich deutlich gezeigt, dass Impfen wichtig ist und ein besonders niederschwelliger Zugang nötig wäre. Ärzte und Apotheken könnten sich ja wirklich darauf einigen, dass Impfen auch in Apotheken zulässig wäre. Hier sollte das Ziel im Vordergrund stehen und nicht die ‚Standesdünkel‘”. Ein niederschwelliges Impfangebot in der Apotheke sieht auch Feldmann als Stärkung der Versorgung: „Weiters würde ich mir wünschen, dass Medikationsanalysen als Kernkompetenz in die Hand der Apotheker auch im extramuralen Bereich wandern, vorzugsweise in Zusammenarbeit / mit Erstattungsfähigkeit durch die Krankenkassen.“ 

Mindestentgelt pro abgegebene Packung 

Ein weiteres Problem, das endlich angepackt werden soll: Lieferengpässe. „Hier muss die Regierung dringend aktiv werden und auch auf EU-Ebene muss man schnell die Weichen stellen“, mahnt Susanne Sokoll-Seebacher von der Land Apotheke Pinsdorf. „Als Gesundheitslotsen werden wir leider von der Politik zu wenig geschätzt – von Kunden schon.“ Für die Zukunft wünscht sie sich eine gesetzliche Erleichterung bei der Abgabe von Generika, eine fairere Abgeltung der Nachtdienste und dass die „Parallelimport-Richtlinie“ RPI2024 wieder abgeschafft wird. „Dass Dienstleistungen der Apotheken auch finanziell abgegolten werden, bleibt sicher ein frommer Wunsch, da die Kassen sparen müssen“, mutmaßt Sokoll-Seebacher. 

Eine bessere Finanzierung findet auch Schwaiger angebracht: „Ich wünsche mir ein faires Vergütungssystem im EKO-Bereich, zum Beispiel ein Mindestentgelt pro abgegebener Packung, und kein weiteres Preisdumping. Der Rezeptumsatz ist immer noch die Basis unseres Erwerbes, aber natürlich sind wir gefordert, durch Zusatzleistungen wie Laborwertbestimmungen oder auch Impfen unser Angebot zu erweitern.“ 

Gesundheitslotse ist die Apotheke schon lange 

Mit Galgenhumor sieht man die politischen Ambitionen in Güssing. „Das neue Regierungsprogramm wurde von mir und meinen Kolleg:innen in der Diana Apotheke mit vorsichtigem Wohlwollen aufgenommen“, erzählt Michaela Stipsits. „Wir alle wissen, dass uns in den nächsten Jahren verschiedenste Einsparungen erwarten werden. Da war die Angst sehr groß, dass man bei unserer kleinen Berufsgruppe – die die Öffentlichkeit immer noch fälschlicherweise alle als ultraprivilegierte Millionäre ansieht – den roten Sparstift übermäßig ansetzt.“ Dass die künftige Regierung dem Versand rezeptpflichtiger Medikamente als „Allheilmittel“ gegen Geldnot nicht nachkommt, habe in der Apotheke zu Aufatmen geführt. „Bei anderen Punkten wird man die konkrete Ausführung abwarten müssen“ ist Stipsits skeptisch. „Eigenverantwortung stärken klingt nach einer Überschrift für den Schüler-Redewettbewerb, was soll das konkret heißen? Entlastung der Praxen…! Ja, gerne, wir übernehmen flächendeckend die HbA1C Routine-Messungen im Quartal, Vitamin D wurde ohnehin von der Kasse in der Frequenz gekürzt, soll heißen, der Kunde kann das locker bei uns messen lassen, wir erklären ihm sehr genau den Outcome der Messung. Die Gesundheitslotsen braucht man also nicht lange zu suchen. Schon vor Jahren haben wir in Güssing den Ausdruck ‚Apotheker, das sind die Kuratoren ihrer Gesundheit!‘ aufgegriffen, nur, dass in der Apotheke auf Augenhöhe gearbeitet wird.“ 

Auch die Medikationsanalyse soll in die Apotheke kommen. „Das sollte fixer Bestandteil der Apothekenleistungen sein“, fordert Stipsits. „Aber bitte mit Qualifikation der Pharmazeut:innen. Nur in die EDV eintippen, ohne die Relevanz der Interaktionen beurteilen zu können, erscheint mir wenig substanziell. Der Kunde sollte uns alle Informationen liefern dürfen, auch Laborbefunde, wenn er das möchte. Diese lese und übersetze ich ohnehin ständig für den Kunden, da ‚der Herr Doktor wieder keine Zeit gehabt hat‘, zitiert sie sinngemäß. 

  

Apotheken können Ambulanzen entlasten

  

Stipsits Wunsch? Mehr Kompetenz. „Es braucht für uns Apotheker zweifellos zusätzliche Betätigungsfelder. Und diese sollten fair abgegolten werden, man muss für uns also Geld in die Hand nehmen, damit wir dem System Geld sparen helfen! Damit die Spitalsambulanzen am Wochenende nicht mit Patienten (und ihren oft harmlosen Anliegen) überquellen, die Impfraten endlich nach oben gehen.“ Ein Punkt aus dem Regierungsprogramm lässt sie milde lächeln: „Die Eigenproduktion von Arzneimitteln in der EU kann wohl nur die Zahnfee ultimativ erreichen!“ 



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