Sie ist über die Wiener Landesgrenzen hinaus bekannt für ihr soziales Engagement und eine Apotheke, die alle Bevölkerungsgruppen willkommen heißt. Was aber wenige wissen: Mag. Simonitsch hat die Spürnase für Trends – und außerdem ein Händchen für Marketing. Das Porträt einer Apothekerin, die Integration lebt und die Leidenschaft für ihren Beruf erst entdecken musste.
Marien-Apotheken gibt es viele – nicht nur grundsätzlich in Österreich, sondern allein schon in Wien. Die bekannteste ist aber bestimmt jene im 6. Bezirk, unweit der beliebtesten österreichischen Einkaufsmeile, der Mariahilfer Straße. Man ist also allein schon wegen der Namensbezeichnung des Bezirks (Mariahilf) der Gottesmutter verhaftet – und findet diese übrigens auch in knallbunten Farben in der Offizin. Neben nicht minder farbenfrohen Kerzen in Form von Händen, die Gebärdensprache-Zeichen formen. Doch beginnen wir vor der Türe: Schon wenn man sich der Marien-Apotheke nähert, merkt man, dass hier ein anderer Spirit zu Hause ist, als in den meisten Pillenvertriebsstätten. Gut sichtbar fliegen Ginkgoblätter an der Fassade des Ecklokals hoch. „Ginkgo ist der Lebensbaum“, erklärt Inhaberin Mag. pharm. Karin Simonitsch die Symbolkraft der Kunstwerke. „Und es soll auf die Apotheke aufmerksam machen.“ Ziel ganz klar erfüllt.

Auffällig und extravagant geht es auch beim Betreten der Apotheke weiter. Sofort stechen zwei Dinge ins Auge: Die kreative Beleuchtung und die nicht minder kreative Arbeitskleidung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wobei man in der Offizin praktisch nur auf Apotheker:innen trifft. „Wir haben hier sehr beratungsintensive Kundschaft“, betont Simonitsch: „Dafür bedarf es speziell qualifizierten Personals.“ Das arbeitet aktuell in wahlweise von einem Hilfsprojekt nach individuellen Farbwünschen gestrickten Pullovern oder weißen Poloshirts, die mit – wiederum selbst designten und im eigenen Onlineshop käuflich erwerbbaren – Aufnähern verschönert wurden. „Meine Apotheke ist ein Kunstprojekt“ sagt Simonitsch mit Begeisterung in der Stimme. Als Künstlerin sieht sie sich selbst aber nicht – eher als Trendscout. Dazu aber später.
Unter dem Regenbogen
Die Lampen sind ein Paradebeispiel für Upcycling. Leere Tablettenblister, die bei der Verblisterung anfallen, wurden kreativ in Lampenschirme umgewandelt. Besonders stolz ist die Apothekerin auf die roten Elemente. „Rote Blister sind extrem selten“, erklärt sie und wenn man darüber nachdenkt, fallen einem spontan tatsächlich nur silberne und grüne Vertreter ein. Ansonsten ist die Offizin überraschend klein, lädt aber mit dem vielfältigen, originellen Angebot zum Verweilen und Stöbern ein. Das bunte Produktsortiment ist eines der Steckenpferde der Inhaberin. Generell ist bunt das vorherrschende Thema – im Sinne von divers.

Viele Berichte und Auszeichnungen hat Simonitsch bereits für ihr soziales Engagement für diverse Gesundheits-„Randgruppen“ erhalten. Doch um die Preise gehe es ihr nicht. „Ich möchte auf die Themen aufmerksam machen.“ Deshalb sind die gewonnen Trophäen nicht prominent ausgestellt, sondern verräumt.
Die Ursprünge des „Segelns unter dem Regenbogen“, wie es die Apothekerin selbst bezeichnet, gehen bis ins Jahr 1994 zurück. „Ich habe erkannt, dass HIV-Patient:innen ganz schlecht versorgt sind.“ Die Inhaberin wollte den Servicegedanken gerade für diese Personen, die meist einen großen Leidensdruck haben, in den Mittelpunkt stellen. „Wir werten nicht“, erklärt sie, „und wir versuchen, es den Leuten so einfach wie möglich zu machen.“ Dazu gehört zum Beispiel, die erforderlichen Medikamente vorrätig zu halten.
“Was ich wirklich kann, ist Marketing.”
Obwohl Simonitsch einer Apothekerfamilie entstammt, war die Berufswahl für sie anfangs alles andere als eine Berufung. Und auch innerfamiliär stieß ihr Veränderungswille und die Sympathie für Randgruppen des Gesundheitssystems auf wenig Gegenliebe. Als der Generationenwechsel anstand, kaufte sie die (groß)mütterliche Apotheke mit einer Performance unter dem Durchschnitt – und erkannte darin ihr wahres Talent. „Ich habe Pharmazie studiert, aber das, was ich wirklich kann, ist Marketing.“ Und sie ist – wie bereits erwähnt – ein Trendscout. „Ich erkenne Dinge, die kommen.“ Nicht im Sinne eines Zukunftsforschers, aber die Inhaberin hat ein Gespür dafür, wenn ein neuer Trend an sie herangetragen wird.

Manchmal mischt auch der Zufall mit. So wie bei den nächsten Projekten, die bereits in den Startlöchern – oder genauer gesagt im Büro der Chefin – stehen. Da gibt es nämlich ein Gerät, das stark nach Optiker oder Augenarzt anmutet. Simonitsch erklärt, dass sie damit zukünftig Retinopathien von Diabetiker:innen frühzeitig aufdecken möchte. Dazu ist sie bereits in Austausch mit den in der Umgebung befindlichen Augenärzten. Grundsätzlich wird allen Risikopatient:innen der Facharztcheck angeraten. Wenn sich beim Test in der Apotheke aber Auffälligkeiten zeigen, gibt es das schnelle Durchwinken zum Arzt. Der sitzt mit im Boot und hält für diese Fälle Termine frei. Ein Paradebeispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit und das zukünftige Potential von Apotheken als Dienstleister.
Diesen Eindruck hat man vom ersten Moment, in dem man in die Apotheke kommt, bis zu jenem, wo man sie wieder verlässt. Sobald es die Temperaturen zulassen, gibt es vor dem Ladengeschäft wieder den Kund:innen-Kräutergarten. Minze- und Basilikumstöckerl laden ein, ein paar Triebe für die Kulinarik zu Hause mitzunehmen. Leider wird das freundliche Angebot von manchen missverstanden. Deshalb werden die Töpfe zu Dienstschluss in die Apotheke verlagert. Von den ehemals zehn an Drahtseilen befestigten Kräuterscheren ist noch eine da. Simonitsch nimmt es gelassen. Manch ein Projekt musste auch mit der Zeit gehen, „dafür stecken wir dann unsere Liebe und Energie in andere Themen“, erklärt die Apothekerin mit Haltung und präsentiert ein weiteres Projekt: Ein Sortiment an Fanartikeln.
Eigener Fanartikel-Shop
Und mal ehrlich: Eine Apotheke, die sogar eigene Fanartikel an die Kundinnen und Kunden bringt, muss schon vieles richtig machen, oder? „Die Apotheke ist mein Lebensprojekt“ schließt Simonitsch. Obwohl sie 24/7 für die Arbeit da ist, bleibt noch Raum für Freizeit. „Ich habe eine wunderbare, begabte Tochter, die viel in der Apotheke ist.“ Außerdem bereichern zwei Windhunde ihr Leben. Zum Ausgleich fröhnt Simonitsch dem Stricken. Mit der richtigen Masche hatte sie sich bereits das Studium finanziert. Daher kommt auch die Idee, individuelle Pullover für die Mitarbeiter:innen stricken zu lassen. Simonitsch wird ernst: „Das ist kein leichter Job, den sie bewältigen müssen. Daher versuche ich, den Kolleginnen und Kollegen ein bisschen das Ernste zu nehmen.“ Da in der Apotheke auch belastende Situationen auftreten, gibt es das Angebot der Supervision. „Ich weiß nicht, wer sie in Anspruch nimmt. Ich zahle das einfach“, erklärt die Vollblut-Chefin. In der Apotheke ist ihr wichtig, „dass die Kunden mit einer neuen Erkenntnis oder einem Lächeln rausgehen.“ Im besten Falle mit beidem. Trotz des großen Engagements, das Simonitsch zweifelsohne für ihre Apotheke an den Tag legt, merkt man, wieviel Freude ihr das alles macht. Den Eindruck bestätigt sie: „Ich habe ein wunderschönes Leben.“