Patient:innen, Gesundheitspolitik, Spitalserhalter und Krankenkassen sollten sich für die Zukunft keine “Bergdoktoren” mit 24-Stunden-Einsatzwillen an sieben Tagen der Woche mehr erwarten. Eine Umfrage unter 1.364 Gynäkologen und Geburtshelfern beider Geschlechter in Österreich, Deutschland und der Schweiz macht deutlich: Nur noch 12,5 Prozent wollen Vollzeit arbeiten.
Die Vorstellungen zur Arbeitswelt ändern sich offenbar rapide und über die gesamte Gesellschaft hinweg. Das gilt auch für die Ärzteschaft. Jetzt haben das die Vereinigungen der jungen Gynäkologen/Gynäkologinnen und Geburtshelfer/Geburtshelferinnen im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes ihrer medizinischen Fachgesellschaften in Österreich, Deutschland und der Schweiz erhoben und in der Fachzeitschrift “Geburtshilfe und Frauenheilkunde” veröffentlicht.
Alle Karrierestufen einbezogen
Nikolaus Tauber von der Universitätsklinik in Lübeck, Philipp Fössleitner (Klinische Abteilung für Geburtshilfe und feto-maternale Medizin; MedUni Wien/AKH) und 18 weitere Autoren haben die Studie durchgeführt. “Zwischen Oktober 2023 und Mai 2024 nahmen insgesamt 1.364 Teilnehmer an der Umfrage teil. Der Fragebogen bestand aus 62 Fragen, die Themen wie Arbeitsplatz im Allgemeinen, Arbeitszeitmodelle, Ausbildungsschwerpunkte, Team-Zusammensetzungen und berufliche Ziele abdeckten. Die Teilnahme an der Umfrage war freiwillig und anonym”, schrieben die Autoren.
Von den Teilnehmern stammten 75,3 Prozent aus Deutschland, 12,9 Prozent aus Österreich und 11,8 Prozent aus der Schweiz. Es handelte sich sowohl um Klinikchefs als auch um Chefärzte und Chefärztinnen als auch um in Ausbildung zum Gynäkologen und Geburtshelfer befindliche Ärztinnen und Ärzte.
Kaum Interesse an Leitungsposition
Statistisch hoch signifikant waren die geschlechtsspezifischen Karrierevorstellungen der Teilnehmer. Die Autoren der Studie: “Männer strebten signifikant häufiger eine Chefarztposition an als Frauen (26,5 Prozent versus 3,6 Prozent).
Die Vorstellung, dass Ärztinnen und Ärzte im Spital oder in der niedergelassenen Praxis quasi rund um die Uhr verfügbar sein könnten oder wollten, gilt offenbar auch in der Gynäkologie und Geburtshilfe längst nicht mehr. “Insgesamt zogen nur 12,5 Prozent der Teilnehmer eine Vollzeitbeschäftigung vor, obwohl 63 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in der Facharztausbildung Vollzeit arbeiteten”, stellte sich in der Umfrage heraus.
Familie zählt
Entscheidend ist für die (angehenden) Fachärzte für Gynäkologie und Geburtshilfe ganz klar die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So heißt es in der Zusammenfassung der Studie: “Hinzu kommt, dass 65,4 Prozent der Umfrageteilnehmer angaben, dass ihr jeweiliger Arbeitsplatz keine Kinderbetreuung mit flexiblen Betreuungszeiten zur Verfügung stellte. Gleichzeitig schätzten 76 Prozent eine arbeitsplatznahe Kinderbetreuung als wichtigen Faktor bei der Auswahl ihres Arbeitgebers.”
Das Fazit, das die Autoren für die Zukunft von Gynäkologie und Geburtshilfe in Österreich, Deutschland und der Schweiz ziehen: “In einer Zeit, in der Individualität und Gleichberechtigung zunehmend an Bedeutung gewinnen, ist die Schaffung von Arbeitsumgebungen, die den Anforderungen und Bedürfnissen aller Ärztinnen und Ärzte gerecht werden, unerlässlich. Diese Ergebnisse sollten daher kritisch diskutiert werden, um potenzielle Anpassungen und Verbesserungen in der Praxis umzusetzen.”
Teilzeit klar bevorzugt
In dem Sample der Umfrage waren Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung für Gynäkologie und Geburtshilfe am stärksten vertreten: In Deutschland mit 60 Prozent, in Österreich mit 50 Prozent und in der Schweiz mit 40 Prozent. Fertig ausgebildete Fachärzte und Oberärzte hatten jeweils einen Anteil zwischen zehn und 20 Prozent. Bei den Oberärztinnen und Oberärzten im Spital lagen Ärztinnen und Ärzte anteilsmäßig fast gleichauf. Auch bei den in freier Praxis Tätigen waren in dem Sample Männer und Frauen anteilsmäßig ähnlich vertreten.
16 Prozent (16,4 Prozent der Frauen und 11,3 Prozent der Männer) stimmten der Ansicht, dass Gynäkologen in Ausbildung durch ihr Geschlecht benachteiligt seien, stark zu. Während 39,8 Prozent der Männer eine Vollzeitbeschäftigung bevorzugten, waren es nur 10,8 Prozent der Ärztinnen. Am größten war der Anteil der Teilnehmer an der Umfrage, die eine Vollzeitbeschäftigung bevorzugen, übrigens in Österreich mit 22,8 Prozent im Vergleich zu Deutschland (11,8 Prozent) und der Schweiz (6,4 Prozent). Das am häufigsten genannte Argument gegen eine Arbeit im Spital waren unflexible Diensteinteilungen.
APAMED